Von Michael Fuchs
“Sell in May and go away” lautet eine der bekanntesten Börsenweisheiten. Börsenprofis messen solchen Sinnsprüchen zwar keine große Bedeutung bei, doch im vergangenen Jahr hätten sich Anleger mit der Befolgung der Regel viel Ärger erspart. Punktgenau hatte der DAX am 2. Mai 2011 sein Jahreshoch erreicht. Es folgten Monate einer schwankenden Seitwärtsbewegung, bevor im August der Absturz kam.

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- Wenn Sie bei einem Spaziergang im Freien diese Blüten sehen, könnte es an der Zeit sein, Aktien zu verkaufen. Rhododendren blühen im Mai.
Die Analogien zu 2012 liegen auf der Hand: Dieses wie letztes Jahr waren die Kurse bis ins Frühjahr hinein stark gestiegen. Mit einem Lauf von 5.500 bis 7.600 Punkte war der Anstieg bis Mai 2011 ähnlich ausgeprägt wie die Erholung von 5.000 auf 7.200 seit dem Tief im vergangenen September. Und noch eine Ähnlichkeit gibt es: Mit dem Einbruch nach Ostern hat sich eine ähnlich Korrektur ergeben wie nach dem Nuklear-Unglück in Fukushima.
Damit bleibt nur die Frage, ob der DAX in den kommenden Tagen noch einmal die Kraft zu neuen Jahreshochs findet. Die Chancen für eine Wiederholung der Geschichte stehen in diesem Punkt nicht gut. Zwar hat der Aktienmarkt am Dienstag eine eindrucksvolle Erholung hingelegt, doch die Bewegung ist schnell wieder ins Stocken geraten. Das liegt nicht nur an den üblichen Gewinnmitnahmen, sondern an der erheblichen Verunsicherung der Marktteilnehmer. Zu groß sind Risiken, die einem weiteren Anstieg im Weg stehen.
Da sind zunächst die Renditen der Anleihen Spaniens und Italiens, die sich wieder merklich von ihren Tiefs gelöst und für die Finanzierung beider Länder unangenehme Höhen erreicht haben. Hinzu kommen die Wahlen in Frankreich und Griechenland, die bereits ihre Schatten vorauswerfen. Sollten die Wähler sich für weniger sparwillige Kandidaten entscheiden, sind Verluste an den Börsen mehr als wahrscheinlich. Frankreich könnte mit einem Sieg des Kandidaten der Sozialisten, Francois Hollande, für Verunsicherung sorgen. Ankündigungen wie massive Steuererhöhungen für Besserverdienende und neue Verhandlungen über den Fiskalpakt in der EU sind kaum geeignet, die Märkte zu beflügeln.
Rückenwind aus den USA ist ebenfalls nicht zu erwarten. Seit den schwachen Arbeitsmarktdaten für März ist den US-Börsen die Luft ausgegangen.
Damit bleibt nur die Hoffnung auf den ifo-Index am Freitag. Allerdings müsste eer schon sehr gut ausfallen, um den DAX noch einmal nach oben zu treiben. “Das Hoch könnte schon im März erreicht worden sein,” gibt Christoph Geyer, stellvertretender Regionalmanager beim Frankfurt VTAD (Vereinigung Technischer Analysten Deutschlands), zu bedenken. Der DAX könnte zwar noch einmal in Richtung 6.900 bis 7.000 Punkte laufen, doch mehr Spielraum räumt ihm Geyer nicht ein.
Gegen “Sell in May” spricht das alles nicht. Im Gegenteil: Es könnte sich lohnen, gar nicht erst bis Mai zu warten, sondern schon Ende April zu verkaufen. Noch stützen die hohen Dividenden der Unternehmen, die den Anlegern im April und in der ersten Maihälfte ausgezahlt werden. Doch so bald dieser Effekt ausläuft, droht ein Rückschlag.
“Das Muster mit einem Rückgang im Mai und einem verhaltenen Geschäft im Sommer könnte sich fortsetzen”, meint Analyst Christoph Schmidt von NM Fleischhacker, der einen Rückgang auf 6.000 Punkte für wahrscheinlich hält. “Das wäre nur die Mitte der Standardabweichungen der vergangenen fünf bis sechs Jahren, die bei 5.000 bis 7.000 Punkten liegen”, so Schmidt.
Bei aller Vorsicht sollten Anleger den zweiten Teil der Börsenregel aber nicht vergessen. Sie lautet “But always remember: Come back in September” und hat sich im vergangenen Jahr ganz hervorragend bewährt. Mitte September fand der DAX mit Kursen knapp unter 5.000 Punkten sein Tief.
Wer sich streng an das Sprichwort gehalten hat, liegt also deutlich vorn, während Anleger, die an ihren Investments festgehalten haben, in den letzten zwölf Monaten nichts verdient haben. Ob der September wieder den besten Einstiegszeitpunkt bieten wird, ist zwar noch unklar. Eine Sommerpause könnte dem Depot aber gut tun und manche dem Aktionär manche Aufregung ersparen.
