Von Jürgen Hesse

- Reuters
- Ferdinand und Ursula Piëch stehen an der Spitze von Volkswagen.
Was haben Internetgiganten wie Facebook und Google mit dem bald weltgrößten Autohersteller Volkswagen zu tun? Auf den ersten Blick nur wenig.
Doch dieser Schein trügt. Google und Facebook mussten sich in den letzten Tagen laute Kritik anhören, weil sie die Stimmrechte ihrer Anteilseigner beschneiden. Bevorzugte Aktien sichern den Gründern von Google & Co das Sagen, obwohl sie selbst nur wenig Aktienkapital halten. Doch Mark Zuckerberg und Larry Page sind vergleichsweise Unschuldslämmer, wenn man den Blick gen Wolfsburg lenkt.
Dort lässt Autonarr Ferdinand Karl Piëch das VW-Imperium mit einer Geschwindigkeit wachsen, die Beobachter schwindelig werden lässt. Bei den Werken steuert Volkswagen rasant auf die Marke 100 zu. Gerade kommen Fabriken in China und Mexiko dazu. Nach dem Kauf der Motorradmarke Ducati gehören elf Marken zum Konzern. Und die brauchen einen Steuermann, der auf zwei, auf vier und zwölf Rädern nicht in Schlingern kommt. Und wer kontrolliert das künftig alles? Eine Kindergärtnerin von Piëchs Gnaden.
Kurz zurück der Blick in die USA. Die jetzt kritisierten Internet-Gründer haben Geschäftsmodelle aufgebaut, die funktionieren. Sie haben aus einer Idee Milliarden gemacht. Sie haben immer noch viele Ideen einzubringen und sichern sich deshalb größere Stimmrechte.
Auch beim bald größten Autokonzern der Welt sitzt der richtige Mann an der Spitze des Kontrollgremiums. Ferdinand Piëch hat Benzin im Blut. Allerdings wird sein Konglomerat von Tag zu Tag unübersichtlicher. Mit dem Imperium wächst auch der Chor derjenigen, die vor einer zu großen Komplexität eben dieses Weltkonzerns warnen. Und was tut Piëch? Statt Expertise holt er seine eigene Frau in den Aufsichtsrat.
Ursula Marianne Piëch bat auf der Hauptversammlung am Donnerstag um das Vertrauen der Aktionäre. Doch, auch sie bringe Erfahrungen mit, die für VW wichtig seien. Soziale Erfahrungen habe sie als Leiterin eines Kindergartens gesammelt. “Hautnah” will sie gute Zeiten und schlechte Zeiten bei VW mitgemacht haben. Gemeinsam mit ihrem Ehemann habe sie sich um die VW-Beteiligungen gekümmert, ihr sei die Sichtweise der Aktionäre also vertraut.
Solange auch künftig alles gut geht, wird man Ferdinand Piëch verzeihen, dass er sich mit einer Sozia auf dem Motorrad den Lenker nicht aus der Hand nehmen lassen wollte. Wie bei Mark Zuckerberg wird der Erfolg ihm Recht geben. Doch was, wenn sich das Blatt wenden sollte? Und in einem solchen Fall stünde mehr auf dem Spiel als im Silicon Valley mit seinen zahlreichen alternativen Job-Möglichkeiten. Eine halbe Million Menschen – VW-Mitarbeiter – müssen ab jetzt darauf hoffen, dass es das Duo Piëch und Piëch bei seiner rasanten Fahrt an die Weltspitze nicht aus der Kurve trägt.
