
Noch nie gab es es bei einem Fußball-Turnier so viele Orakel wie bei der Euro 2012. Drei Wochen lang stehen sie im Fokus der Öffentlichkeit, der Druck ist immens. Im weltweit ersten Orakel-Doppel-Interview erklären Mops Joyce vom Wall Street Journal Deutschland und Handelsblatt-Online-Heuschrecke Kassandra, wie sie mit dem Druck umgehen, was ein gutes Orakel ausmacht und wieso Deutschland gegen Griechenland verlieren kann.
Die Damen, die Vorrunde ist vorbei. Wie lautet Ihr Zwischenfazit?
Kassandra: Zunächst einmal finde ich es toll, dass meine außerordentlichen Orakel-Qualitäten endlich entdeckt wurden. Stellen Sie sich mal vor – normalerweise wäre ich jetzt schon längst im Magen eines Reptils. Oder längst verdaut. Dabei kann ich viel mehr – und das habe ich in der Vorrunde glorreich bewiesen.
Joyce: Es war stressig, das kann man nicht anders sagen. Der Zuschauer stellt es sich immer so leicht vor, Spiele richtig zu orakeln. Aber in Wahrheit ist das richtig harte Arbeit. Ich muss mir stundenlang Sportsendungen anschauen, die Spiele analysieren und darf dabei nicht auf die Pseudo-Intellektuellen der öffentlich-rechtlichen Sender reinfallen. Unter dem Strich habe ich aber jede Menge Spaß gehabt und bin glücklich über meine makellose Bilanz.
War es auch körperlich anstrengend?
Joyce: Ich weiß, worauf Sie anspielen… Ehrlich gesagt, ist es schon etwas schmerzlich, immer aufs Äußere reduziert zu werden, vor allem, wenn man überzeugende Leistungen bietet. Außerdem muss der ganze Fußball-Sachverstand schließlich irgendwo hin! Aber um es klar zu sagen: Ich bin topfit und bereit für die weiteren Aufgaben.
Kassandra: Ich kann meiner Kollegin da nur zustimmen. Es ist schlimm, stigmatisiert zu werden. Wir Heuschrecken leiden noch heute unter den bodenlosen Attacken von Herrn Müntefering. Dabei zählen doch die inneren Werte!
Ja, apropos innere Werte… Wie kommen Sie zu Ihren Entscheidungen?

- Die fünfjährige Joyce hat ihre Liebe zum Fußball früh entdeckt. Schon als Welpe spielte sie gerne mit Bällen. Das WSJ.de-Orakel lebt auf einer alten Mühle in der Nähe der Loreley im Mittelrheintal. Wenn sie sich nicht gerade mit Fußball beschäftigt, spielt sie gerne mit ihren Hundefreunden – zwei französischen Bulldoggen und einer Bordeaux-Dogge. Berüchtigt ist sie dafür, dass sie gerne Schuhe isst oder Gegenstände vom Couch-Tisch klaut. Am liebsten lungert sie aber einfach nur auf dem Sofa rum und schaut sich Fußballspiele an, um sich für ihre Arbeit als Orakel weiterzubilden.
Kassandra: Intuition spielt dabei eine große Rolle. In dem Moment, in dem ich die beiden unterschiedlichen Fähnchen sehe, zuckt es in meinen Hinterbeinen – dann ist es eigentlich schon klar, für welches Team ich mich entscheide.
Joyce: Natürlich ist Intuition wichtig. Aber ohne tiefgreifendes Fußballwissen kann man diesen Job nicht machen. Mit meinen Besitzern bin ich schon Wochen vor der EM sämtliche Mannschafts- und Spielerstatistiken durchgegangen. Das und eine hohe natürliche Intelligenz sind die Grundvoraussetzungen für ein gutes Orakel.
Wer hat Sie bei der EM bisher besonders beeindruckt?
Joyce: Joe Hart. Für einen englischen Torwart hat er erstaunlich selten daneben gegriffen… Aber im Ernst: Ganz gut gefallen hat mir Italien. Die hatte ich deutlich schlechter erwartet. Wirklich beeindruckend fand ich allerdings bisher keine Mannschaft.
Kassandra: Ich mag Hummel. Wir stehen uns natürlich biologisch schon sehr nahe.
Sie meinen Mats Hummels?
Kassandra: Whatever. Er hat eine unglaubliche Präsenz auf dem Platz.
Haben Sie eigentlich mal daran gedacht, Ihr Wissen zu Geld zu machen – etwa über Sportwetten?
Joyce: Natürlich nicht. Ich habe strenge Vorgaben, die alles verbieten, was nach Interessenkonflikt riechen könnte.
Kassandra: Ich habe aktuell ein Angebot aus der Finanzbranche vorliegen, letztens wurde ich ja bereits zur Währung befragt, die Griechenland bevorsteht – und glauben Sie mir, auch da liege ich richtig. Aber mein Vertrag beschränkt sich erstmal nur auf Fußball.
Nun ist die EM bald vorbei. Haben Sie schon Pläne für die Zeit danach?
Kassandra: Wissen Sie, ich lebe immer nur für ein Projekt. Wir Heuschrecken sind schon von Natur aus auf den kurzfristigen Erfolg programmiert. Aber vielleicht gehe ich ins Dschungelcamp, ich liebe das Risiko.
Joyce: Haha, da wäre ich an Deiner Stelle vorsichtig. Für mich wäre das jedenfalls nichts. Ich versuche, ein seriöses Leben zu führen, das nicht ganz so aufgeregt ist wie das von manchen Mit-Orakeln. Ich lebe nach dem Motto „Fressen und fressen lassen“. Im Moment genieße ich die Fußball-Orakelei. Wenn die EM vorbei ist, wird schon irgendwas Neues kommen. Und wenn nicht, mache ich eben ein halbes Jahr nichts.
Vorher haben Sie aber noch ein großes Ziel…
Joyce: Ja, ich würde gerne mit der deutschen Mannschaft auf dem Römer den EM-Titel feiern. Vor allem Mario Gomez würde ich gerne mal übers Gesicht lecken und mit Poldi ein Kölsch schlabbern.

- Kassandra wurde eher zufällig in einem Düsseldorfer Terraristik-Laden als Fußball-Orakel entdeckt. Die Heuschrecke – ganz Grande Dame – möchte ihr Alter nicht verraten. Es ist allerdings davon auszugehen, dass Kassandra (zumindest nach menschlichen Maßstäben) ein Methusalem unter den EM-Orakeln ist. In ihrer Freizeit faulenzt die Heuschrecke gerne in der Sonne auf einem Stück Holz oder lauscht den Gesprächen der menschlichen Kollegen über Waldi, Poldi und Co.
Sie beide haben es in der Hand…
Kassandra: In den Hinterbeinen, meinen Sie wohl. Aber ehrlich: Wir machen keine Gefälligkeitsprognosen. Unsere Arbeit ist unabhängig.
Joyce: Da stimme ich absolut zu. Glaubwürdigkeit ist das wichtigste in unserem Geschäft. Wer weiß, vielleicht entscheide ich mich am Donnerstag für den griechischen Napf. Dann würde natürlich ein Aufschrei durchs Land gehen, aber auf nationale Befindlichkeiten kann ich leider keine Rücksicht nehmen.
Einen Tipp noch: Können Sie uns sagen, wann Europa die Schuldenkrise besiegt?
Kassandra: Dann bin ich lange tot…
Joyce: Sorry, da muss ich passen. Ich bin ein Orakel, kein Weltwunder.
Das Gespräch führten Ralf Drescher und Tina Halberschmidt.
