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Ökonomen, raus aus den ideologischen Gräben!

Harald Tittel/dapd
Nicht interpretieren, sondern verändern: Der Ökonom Karl Marx (1818-1883).

Die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war von Ideologien beherrscht. Nationalismus, Imperialismus, Sozialismus, Kommunismus und Faschismus stachelten die Menschen an und brachten Verwüstung und Zerstörung in weite Teile der Welt. Nach 1945 ebbte das Zeitalter der Ideologien ab und die Ökonomie und deren Leistungsfähigkeit wurden mehr und mehr zur bestimmenden Kraft.

Ihren Gipfelpunkt erreichte die Vorherrschaft der Ökonomie nach dem Zusammenbruch des Ostblocks, der hauptsächlich am Mangel seiner wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit zugrunde ging. Je stärker die Ideologien in den Hintergrund traten, desto größer wurde die Bedeutung der Ökonomie und parallel dazu der Wirtschaftswissenschaft, die mehr und mehr zu einer Leitwissenschaft, ja sogar zu einer Herrschaftswissenschaft aufstieg.

Aber während die Ökonomen sich auf dem Gipfel ihrer gestiegenen Bedeutung sonnten, bemerkten sie nicht, wie stark sie in die Niederungen der politischen Arena abstiegen. Die Ökonomie entfernte sich immer weiter von der Wissenschaft und näherte sich immer stärker einem politischen Parteiensystem an, wobei die Hauptkampflinie zwischen dem Keynesianismus und dem Neoliberalismus und dessen verschiedenen Spielarten (Monetarismus, Ordoliberalismus, Angebotstheorie) verlief.

Die Wirtschaftswissenschaft hat deshalb auf die gleiche Frage immer mindestens zwei oder sogar fünf verschiedene Antworten: keynesianisch, neoliberal, monetaristisch, ordoliberal oder angebotstheoretisch. Diese Beliebigkeit der Wirtschaftswissenschaft hat der US-Schauspieler und Satiriker Danny Kaye treffend aufgespießt: „Wirtschaftswissenschaft ist die einzige Disziplin, in der jedes Jahr auf dieselben Fragen andere Antworten richtig sind.“

“Professor Propaganda”

Der Hang der Ökonomen zu ideologischen Grabenkämpfen hängt vermutlich damit zusammen, dass die wissenschaftlichen Methoden der Ökonomie eher dürftig sind.

Ein spezielles Kampffeld hat sich in Gestalt der Eurokrise aufgetan. Mehr als 200 Ökonomen wetterten in einem Aufruf gegen die geplante Bankenunion und die Beschlüsse des jüngsten EU-Gipfels vom Juni. Aus der Politik und der Ökonomenzunft gab es sogleich scharfe Reaktionen. Rund 120 Ökonomen verfassten einen Gegenaufruf. Und bezeichnenderweise haben mindestens neun Ökonomen gleich beide Aufrufe unterschrieben.

Als besonderer Exponent eines ideologischen Ökonomen tut sich schon seit Jahren der Präsident des ifo-Instituts, Hans-Werner Sinn, hervor. In einer unerbittlichen Kampagne streitet er für einen Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone und gegen den Kurs der Bundesregierung in der Eurorettung. Vom Nachrichtenmagazin Spiegel wurde er dafür jüngst mit dem wenig schmeichelhaften, aber redlich verdienten Titel „Professor Propaganda“ bedacht.

In ihrer vollen Pracht erschließt sich die Chuzpe die Ökonomen erst im Vergleich zu anderen Disziplinen – denn von Politikwissenschaftlern, Historikern oder Juristen hat man dergleichen nichts gehört. Dabei könnten doch auch diese Wissenschaftler sicherlich flammende Appelle zur europäischen Politik, Geschichte und EU-Verträgen an die Öffentlichkeit richten.

In der Zunft herrscht eine Hybris

Aber diese Akademiker wissen offensichtlich, dass sie mit ideologischen Streitereien im politischen Nahkampf nur ihre Glaubwürdigkeit als Wissenschaftler einbüßen. Politikwissenschaftler machen keine Politik, sondern analysieren sie, Historiker versuchen nicht, Geschichte zu machen, sondern beschreiben sie und Rechtswissenschaftler machen keine Gesetze, sondern interpretieren sie.

Es gab bereits einen Ökonomen, der die Welt nicht nur interpretieren, sondern auch verändern wollte. Er hieß Karl Marx und wurde der Namensgeber für eine weltumspannende Ideologie. Das größte ökonomische Experiment der Weltgeschichte endete schließlich mit einem ruhmlosen Zusammenbruch und einer totalen Diskreditierung der marxistischen Ökonomen.

Wer oder was im Himmels Willen sollte also Ökonomen in der Gegenwart dazu berufen haben, in das Weltgeschehen einzugreifen und die Politik zu lenken? Weit und breit scheint es keinen anderen Grund zu geben als eine gewisse Hybris, die große Teil der Zunft erfasst hat und an ihre eigene Weltdeutungshoheit glauben lässt. Doch der Aufstieg der Ökonomie zu einer Leitwissenschaft ist nur dem ungeheuren Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg zu verdanken – und nicht etwa Quantensprüngen in der Wirtschaftsforschung.

Zur halbwegigen Ehrenrettung der Ökonomenzunft sollte allerdings erwähnt werden, dass die Fronten im Streit zur Eurokrise nicht entlang der klassischen Linie verliefen. So focht etwa der Chef des Gewerkschaftsinstituts IMK, Gustav Horn, Seite an Seite mit dem Direktor des arbeitgebernahen IW, Michael Hüther, gegen den ersten Aufruf. Die Trennlinie verlief wohl eher zwischen Gesinnungs- und Verantwortungsethikern.

Doch das ist die Ausnahme, wie bei politischen Abstimmungen im Parlament, bei denen der Fraktionszwang für die Abgeordneten aufgehoben wird. Die gibt es nur alle paar Jubeljahre. Die deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute lassen sich ganz eindeutig den politischen Lagern zuordnen. Und die sogenannten Forschungsaufträge sind dann oft wenig mehr als Gefälligkeitsgutachten.

Zum Schluss deshalb ein gut gemeinter Aufruf an die Ökonomen: Raus aus den ideologischen Schützengräben und zurück in die Forschungsinstitute und zu den wissenschaftlichen Grundlagen. Das politische Feld sollte den gewählten Volksvertretern überlassen werden. Politik ist immer mit Ideologie verbunden, denn politische Programme basieren auf bestimmten Wertesystemen; die Hauptströmungen sind Liberalismus, Sozialismus und Konservatismus. Eine wertfreie und technokratische Politik ist realitätsfremd.

„Vertraut denen, die die Wahrheit suchen, und zweifelt an denen, die behaupten, sie hätten sie gefunden“, ist ein Satz, der dem französischen Schriftsteller und Nobelpreisträger André Gide zugeschrieben wird und der auf falsche Propheten, eifernde Ideologen und überspannte Ökonomen gleichermaßen passt.

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Kommentare (4 aus 4)

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    • Ein geradezu lächerlicher Artikel. Der Auto tut so, als ob mal zu irgend einer Zeit die Ökonomik so etwas wie eine Wissenschaft gewesen wäre. Dabei war sie schon immer Ideologie und kann es von ihrer Charakteristik her auch gar nicht anders sein. Es gibt keine sog. “Marktgesetze”, die man irgendwo da draussen in der Natur oder hinter irgend ener Idee finden kann. Dazu kommt noch, dass die so scheinbar gegensätzlichen Theorien wie Marxismus oder Liberalismus beide auf sämtlichen Augen blind in in in ihrem innersten zu tiefs menschenverachtende und totalitäre Systeme ganz nahe z.B. beim Faschismus sind. So lange täglich(!) über 20’000 Kinder pro Tag an Hunger sterben, so lange ist klar sichtbar, worin die “Effizienz” der Ökonomik liegt. Das heutige Witrschaftssystem auf der ganzen Welt dient einzig und alleine irgenwelchen zynischen schwerreichen udn bornierten Zeitgenossen. Geld stinkt nicht und man kann nie genug davon bekommen: Koste das die anderen, was es wolle!
      Nur wenn man sich bewusst wird, dass Gesellschaften nur auf der Basis von Kooperation und MITGEFÜHL entstehen und sich weiterentwickeln, nur dann kann man ich auf einen zukunfstgerichteten Weg begeben.
      Also: Schafft die Ökonomen ab und lass sie erst mal was richtiges Arbeiten. Auf dem Bau z.B. könnten sie wieder etwas Bodenhaftung erhalten.Oder: Verhindert, dass eure Kinder z.B. BWL oder was änliches studieren und damit unglücklich werden.

    • Ganz so einfach ist es nicht; die Ökonomen beantworten in erster Linie (und gegen Bezahlung, was an sich auch nciht verwerflich ist) Fragen, die andere stellen. Da die Fragestellungen derart komplex sind, dass normale Menschen schon die Fragen nicht verstehen, fallen die Antworten noch komplexer und schließlich so aus, dass die bestenfalls der Autor der Antworten versteht. In einer Welt mit nahezu unendlich vielen Einflussfaktoren und handelnden Subjekten ist jede und keine Antwort richtig. Zur Lösung dieses Komplexitätsproblems hat man von 1914-1918 und von 1939-1945 einen anderen Ansatz gesucht. Eine ausgebrannte Ruine ist eben weit weniger komplex als ein funktionierendes Hochhaus. Eine befriedigenden Lösung war das auch nicht, außer für die Kriegsgewinnler. Also doch besser weiter so mit unbefriedigenden Antworten zu komplexen Problemen.

    • Trefflich beschrieben, genau so ist es! Unter dem Deckmantel der Wissenschaft werden Ideologien und Lobby-Interessen verbreitet und verkauft. Allerdings braucht es mehr als einen – zwar richtigen, letztlich aber doch recht allgemeinen – Artikel: Wo bleibt die große Titelgeschichte vom Spiegel, der Zeit oder auch des WSJ, in der das egomanische und lobbyistische Treiben der deutschen Ökonomen endlich an den Pranger gestellt wird? Die Herren Wirtschaftswissenschaftler – jedenfalls die meisten von ihnen – haben keine der Krisen (Finanzkrise, Schuldenkrise) rechtzeitig gesehen, sie haben vor nichts gewarnt – doch jetzt stellen sie sich hin und blähen sich auf.

    • Starker und wahrer Kommentar!

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