Von Christian Grimm

- Reuters
- Südkoreanische Aktivisten schickten in dieser Woche Ballons über die Grenze in den Norden – mit durchaus brisantem Inhalt.
Der Westen hat sich immer einiges einfallen lassen, wenn es darum ging, die Bewohner kommunistischer Staaten mürbe zu machen. Ob durch das „Yeah, Yeah, Yeah“ der Beatles, Westfernsehen, Westmark, Westautos oder Westpakete. Die Nordkoreaner, deren revolutionärer Kampf noch nicht korrumpiert ist, werden nun auf eine harte Probe gestellt. Die einstigen Brüder und Schwestern aus dem Süden schicken Kondome. Eine Gruppe Aktivisten ließ am Donnerstag im Grenzbezirk Yeoncheon 20 Gasballons mit Hilfspaketen aufstiegen, die über die Grenze fliegen sollen. Neben insgesamt 150.000 Flugblättern enthielten die Pakete auch 5.000 Präservative.
Die unter dem Mäntelchen von Schutz und Verhütung daherkommende Aktion ist in Wahrheit ein perfider Angriff auf den geliebten Führer Kim Jong-un und sein Volk. Denn mehr Kondome heißt weniger Soldaten für seine aufgeblähte Truppe und weniger Spaß beim regelmäßigen Säbelrasseln.
Dahinter steckt aber noch eine viel perfidere Logik des kapitalistischen Südens, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Denn falls es zu einer Wiedervereinigung des geteilten Landes kommt, sinkt durch die Kondome auch automatisch die Zahl der Empfänger von staatlichen Transferleistungen, vulgo der Stütze. Die Südkoreaner haben sich die schleppende Wiedervereinigung in Deutschland sehr genau angeschaut und wissen genau, dass die ganze Nummer ein Heidengeld gekostet hat und mindestens eine Generation dauert. Und gegen Nordkorea war die Zone ein regelrechtes Eldorado, denn es gab genügend zu Essen und auch die Stromversorgung funktionierte.
Anders als in Westdeutschland vor 1990 rechnet im Süden aber realistischerweise niemand auf Gewinne aus einer Treuhandanstalt. Denn anstelle der maroden Betriebe im Osten gibt es in Nordkorea fast keine Fabriken, die privatisiert werden könnten. Diesen Klotz am Bein hat Seoul schon einmal los. Es bliebe nur das Heer der Arbeitslosen und die Kommunistische Partei, die dann als PDS Südkoreas mit eigenwilligen Vorschlägen die anderen Parteien nerven würde. Was mit den Plattenbausiedlungen passieren soll, ist noch unklar.
Der Norden hat übrigens bisher noch nicht reagiert. Wenn die Genossen aber die gefährliche Kondom-Logik erkennen, wird wieder eine geharnischte Meldung über die Staatsmedien gehen. Üblicherweise endet sie auf „in Schutt und Asche legen“. Der Süden könnte ganz entspannt mit „Make love, not war“ antworten und wüsste seine Interessen dennoch gewahrt.
