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Die menschlichen Grenzen des Wachstums

Reuters

Die Wirtschaft könnte mit nachhaltigen Technologien ewig wachsen, doch der Grenznutzen für die menschliche Gesellschaft wird immer kleiner. Statt der Quantität rückt deshalb die Qualität des Wachstums in den Vordergrund sowie die gerechte Verteilung des Wohlstandes.

Im Alltag eines Industriestaates dürfte den meisten Menschen nicht bewusst sein, wie sehr sich ihr Leben von jenem ihrer Vorfahren unterscheidet. Fast könnte man sagen: Tischlein deck dich, Ikarus’ Traum vom Fliegen und Hermes der Götterbote sind keine Märchen, Sagen oder Mythen mehr, sondern Wirklichkeit – auch wenn es ohne Arbeit nicht geht, der Flug zur Sonne unmöglich ist und die Botschaften nicht von den Göttern kommen.

In der Geschichte der Menschheit, die vor rund 200.000 Jahren begann, bestritten die Erdbewohner die ersten 190.000 Jahre als Jäger, Sammler und Fischer. Dann setzen sie vor circa 10.000 Jahren zum ersten großen Sprung an: In der sogenannten neusteinzeitlichen Revolution wurden die Menschen zu Bauern und Viehzüchtern und erreichten so eine größere Unabhängigkeit von ihrer Umwelt.

Industrielle Revolution machte Menschheitsträume wahr

Der zweite große Sprung begann vor rund 200 Jahren und hat als industrielle Revolution die Lebensweise der Menschen erneut grundlegend verändert. Mit der industriellen Revolution sind Menschheitsträume wahr geworden: Nahrung im Überfluss, Transport in Windeseile und Kommunikation ohne Zeitverzug. Allerdings stiegen auch der Ressourcenverbrauch und die Umweltzerstörung.

In der ersten Phase der Menschheitsgeschichte war gar kein Wachstum denkbar, in der zweiten Phase war nur ein extensives Wachstum durch Ausweitung der Ackerflächen und Aufstockung der Viehherden möglich. Erst mit dem Beginn der industriellen Revolution bestand die Möglichkeit für ein intensives Wachstum durch Technologie.

Es ist verständlich, dass der ungeheure Wirtschaftsaufschwung seit 200 Jahren in den Köpfen der Menschen die Vorstellung eingepflanzte, diese Entwicklung könne ewig so weiter gehen. Die Vorstellung eines ewigen Wachstums war neu: Noch im Zeitalter des Merkantilismus, im 17. und 18. Jahrhundert, herrschte die allgemeine Auffassung, dass der Wohlstandsgewinn eines Landes nur durch den Verlust eines anderen Landes erzielt werden könne.

Natürliche Ressourcen begrenzen exponentielles Wachstum

Trotz der riesigen technologischen Fortschritte durch die industrielle Revolution hat sich die Natur des Menschen aber nicht wesentlich verändert. Und auch die natürliche Umgebung kann nicht beliebig umgestaltet werden.

Ein exponentielles Wachstum stößt bei begrenzten Ressourcen schnell an seine Grenzen. Ein Wirtschaftswachstum von zwei Prozent bedeutet eine Verdoppelung der Wirtschaftsleistung in 35 Jahren, eine Vervierfachung in 70 Jahren und so weiter.

Bei dem gegenwärtigen Ressourcenverbrauch ist es nur eine Frage der Zeit, bis die modern Zivilisation abstürzt – wie schon manch alte Zivilisationen, die an Klimaveränderungen, Umweltzerstörungen und Infrastrukturproblemen gescheitert sind.

Allerdings wird die Wirtschaftsleistung üblicherweise an dem Wert der produzierten Waren und Dienstleistungen gemessen. Und der Wert einer Wirtschaftsleistung per se hat noch keinen schädlichen Einfluss auf die Umwelt. Mit den entsprechenden nachhaltigen Technologien könnte die Wirtschaftsleistung tatsächlich unendlich wachsen.

Wie viel Nutzen bringt zusätzliches Wachstum?

Doch wie sollten zukünftige Wohlstandsgewinne nach der vollen Entfaltung des industriellen Wachstums aussehen: Noch mehr Lebensmittel, noch mehr Transporte, noch mehr Kommunikation? Ist das denkbar? Ist das überhaupt wünschenswert? Welchen Gewinn für die menschliche Gesellschaft soll das noch bringen?

Agence France-Presse/Getty Images
Immer weiter, immer höher hinaus streben die Menschen. Aber der Nutzen des Wachstums schwindet.

Noch mehr Lebensmittel? Die unappetitlichen Folgen sind zur Genüge bekannt. Jetzt geht es um die Qualität der Lebensmittel. Und da die Nahrung für alle ausreicht, muss die gerechte Verteilung die wichtigste Rolle spielen und nicht die Steigerung der Produktion.

Noch schnellere Beförderung? Sollte es einmal die Möglichkeit geben, in zehn Minuten an jeden Ort der Welt zu gelangen, dann wird der völlige Verlust der Örtlichkeit die Folge sein, nicht der Ausbau der Reisemöglichkeiten.

Noch mehr Informationen? Die Menschen sind schon jetzt nicht mehr fähig, die Flut der Informationen zu verarbeiten. Daher ist die vernünftige Filterung von entscheidender Bedeutung.

Heute geht es um bessere Lebensqualität (Gesundheit, Bildung, Umwelt, Kultur) und gerechte Verteilung des Wohlstandes. Und die Menschheit muss dringend nachhaltige Technologien entwickeln, um den Raubbau an den Ressourcen und an der Umwelt zu überwinden. Nur mit Steigerungen in diesen Bereichen ergibt Wachstum noch weiteren Sinn und bringt die menschliche Gesellschaft voran. Nur so kann sie ihre Zivilisation auf lange Sicht erhalten.

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