
EZB-Präsident Mario Draghi ist nicht nur der oberste Geldhüter der Eurozone, er ist auch ein wichtiger Seelentröster für Märkte und Medien. Auf der jüngsten Pressekonferenz mokierte er sich über die “Angst of the week”, über die man sich in seinen Kreisen regelmäßig amüsiere.

Die EU erhält den Friedensnobelpreis – wie bitte? Angesichts des Dauerstreits über die Bewältigung der Euro-Krise mag die Entscheidung des Norwegischen Nobelpreiskomitees verwundern. Aber ist es nicht tatsächlich eine berechtigte Würdigung zum rechten Zeitpunkt? Ja, denn die zwar quälenden Bemühungen der europäischen Staats- und Regierungschefs, aus den Schäden einer verfrüht eingeführten gemeinsamen Währung etwas Nützliches und Zukunftsweisendes zu machen, sind ein permanenter Friedenskongress.

In der Finanzkrise scheint das Gröbste überstanden – zumindest vorerst. Ob die Menschen die richtigen Lehren daraus ziehen werden, muss die Zeit erweisen. Ein Vermächtnis der Krise steht aber schon fest: Es ist das Universum aus Fachwörtern, Abkürzungen und Namen, das früher nur Experten ein Begriff war. Der Volksmund hat sich seinen eigenen Reim darauf gemacht.

Bundesbankpräsident Jens Weidmann hat im Rat der Europäischen Zentralbank keine Mehrheit für seine Ablehnung neuer Staatsanleihekäufe durch die Zentralbank oder gelockerte Regeln für die Geldschöpfung. Aber er hat die öffentliche Meinung in Deutschland hinter sich. Und auf diese Karte setzt er immer stärker.

Die Beziehungen zwischen Bundesbank und dem deutschen EZB-Direktoriumsmitglied Jörg Asmussen sind noch viel kühler als bisher angenommen. Zu einem Vortrag Asmussens erschien der Bundesbank-Chefjustiziar, um ihn daran zu erinnern, dass die Bundesbank die geplanten Staatsanleihekäufe der EZB kritisch sieht. Asmussen selbst demonstrierte, dass er mit Bundesbank-Traditionen nichts am Hut hat.

Als wären Dauerkrise und zunehmende Querelen unter den Politakteuren nicht genug: Jetzt steht auch noch der Präsident der EZB offiziell unter dem Verdacht des Interessenkonflikts. Und damit ausgerechnet der Chef jenes EU-Organs, das laut EU-Vertrag ein Hort der Unabhängigkeit sein soll.

Geld an sich hat keinen Wert. Deshalb brauchen wir Glauben, Gold und Gerechtigkeit als Garantien. In einer pluralistischen Gesellschaft kann nur soziale Gerechtigkeit der neue Goldstandard sein.
In Frankfurt wird am Mittwoch das Camp der Occupy-Bewegung nach acht Monaten geräumt, und das Leben rund um die Europäischen Zentralbank geht fast weiter als wäre nichts geschehen. Geschäftsleute schlendern neugierig am geräumten und von der Polizei abgesperrten Platz des Zeltlagers vorbei, Müllmänner sammeln die übrig geblieben Transparente ein. Es ist ruhig im Frankfurter Bankenviertel. Vorsorglich sind die zwei unterirdische Haltestellen von U- und S-Bahn mit Gittern versperrt worden.
Die Eurozone steuert auf eine Doppelrezession zu, aber Deutschland geht’s gut. Jedenfalls relativ. Schöner wäre es natürlich, wenn die anderen Euroländer auch florieren würden. Doch die tun sich mit eher mit Forderungen hervor, die Deutschland das gute Leben doch erschweren.
Die Zeiten ändern sich, die Menschen nicht. Sie wollen Gewissheit auch in Dingen, die sich der unmittelbaren Wahrnehmung und der direkten Kenntnis entziehen. Bei den alten Römern gab es Auguren, im Mittelalter Seher und bei der Europäischen Zentralbank gibt es die Deuter.
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