Von Ben Rooney

- dapd
- Angela Merkel beim Besuch von Wooga in Berlin.
BERLIN – Es gibt ein altes Sprichwort: Kein Politiker kann eine Parade vorbeiziehen lassen, ohne in der ersten Reihe mitzumarschieren. Doch während sich in Londons boomender Start-up-Szene die Politik seit vielen Jahren stark einmischt, scheint Berlin nach wie vor nicht auf dem politischen Radar der Bundesregierung zu sein.
Zwar absolvierte Kanzlerin Angela Merkel am Donnerstag zwei immerhin sehr öffentlichkeitswirksame Besuche bei Start-ups – bei dem sozialen Wissenschaftsnetzwerk Researchgate und bei dem Computerspielehersteller Wooga. Danach sprach sie vor der versammelten Start-up-Szene Berlins im Palais der Kulturbrauerei im Herzen der „Internezone“ im Osten der Hauptstadt.
Doch laut dem Chef von Wooga, Jens Begemann, stellte das keinen Versuch Merkels dar, von nun an die Parade anzuführen. „Es war etwas, um das die die Start-ups gebeten haben. Kommen Sie und sehen Sie, um was es geht und lernen Sie über uns.“
Als Begemann und Merkel zusammensaßen, um zu diskutieren, wie die Bundesregierung der Community helfen kann, war Merkel laut dem Wooga-Chef überrascht zu hören, dass deutsche Start-ups weder Geld noch angepasste Gesetze verlangen. „Mein Wunsch war es, dass Deutschland eine bessere Willkommenskultur für Leute bekommt, die nicht Deutsch sprechen“, sagte Begemann.
Wooga wünscht sich nur englischsprachige Behörden
Verglichen mit anderen politischen Wünschen, ist dieser bescheiden. Begemann muss es wissen: 55 Prozent seiner 280 Mitarbeiter sind Ausländer, sie kommen aus 40 verschiedenen Ländern. Der Unternehmer beklagt, dass es Probleme mit Behörden gibt, in denen die Mitarbeiter kein Englisch sprechen. Er fragte lediglich danach, dass die Behörden spezielle Zeiten einrichten sollten, in denen englischsprachige Mitarbeiter verfügbar sind.
Das war’s. Laut Begemann gibt es keinen großen Änderungsbedarf bei Gesetzen. Auch in die Klage vieler Unternehmer, dass es schwierig und zeitaufwendig ist, Talente außerhalb der Europäischen Union einzustellen, will er nicht einstimmen. Jüngste Änderungen in Deutschland hätten diesen Prozess bereits vereinfacht und beschleunigt: „Den Antrag durchzubringen dauert für uns zwei Wochen und die Antwort ist immer Ja“, sagt er. Der größte Anteil an Mitarbeitern bei Wooga aus dem Ausland stammt aus Brasilien. „Ich gehe alle 10 Wochen ins [Silicon] Valley. Es ist für mich einfacher, mexikanische Programmierer einzustellen und nach Deutschland zu bringen, als es für die Unternehmen dort ist.“
Zuvor machten Gerüchte die Runde, Merkel werde Gesetzesänderungen im Palais der Kulturbrauerei verkünden. Doch laut dem Wagniskapitalgeber Christian Nagel, Partner beim Berliner Venture Capitalist Earlybird, wäre das das letzte, was die Community will.
„Niemand will das“, sagte er. „Indem sie erschien, setzte sie ein Zeichen, dass sie nicht nur mit BMW und Siemens spricht, sondern auch mit der Internet-Community. Das braucht die Branche.“
Die Szene will kein Geld vom Bund
Nagel ist in die laufenden Gespräche mit Wirtschaftsminister Phillip Rösler eingebunden. Das erste, was er Rösler sagte war, dass die Community keine öffentlichen Fördergelder haben will – sehr zur Überraschung des Wirtschaftministers. „Er war darüber total überrascht. Er sagt, dass das normalerweise das erste ist, nachdem die Leute fragen“, sagte Nagel.
Statt kurzfristiger Finanzierung hat die Unternehmergruppe laut dem Start-up-Investor eher langfristige und breitere Ziele im Blick. „Es geht um Bildung, zum Beispiel darum, Programmieren zum Schulfach zu machen. Es ist das erste Mal, dass wir sehen, dass Politiker auf diese Forderung reagieren. Es hat einen Wandel gegeben.“


